Homo homini lupus!

So langsam merkt man, dass hier wohl bald mal irgendwas passieren sollte, was den Alltag eventuell etwas verändern könnte. So könnte man die Stimmung in Sant‘ Anselmo im Spätaugust beschreiben. Wir nähern uns langsam dem Äbtekongress Mitte Oktober und so kehrt eine gewisse Ruhe vor dem Sturm ein. Es sind so wenige Personen wie noch nie hier, was wir Tellerwäscher aus Deutschland natürlich sehr begrüßen. Dann bleibt außer Geschirrspülen (warum hat man eine Spülmaschine, wenn die Anweisung lautet: Wascht die Teller, bevor ihr sie reinschiebt?!) genug Zeit, um andere Dinge nicht zu tun, die man eigentlich machen sollte, z.B. Italienisch lernen. Die nächste Woche wird glorioserweise unsere letzte Woche Unterricht für hoffentlich sehr lange Zeit sein. Er staunlicherweise fällt man nach nur wenigen Tagen, ach, was sag ich, Minuten,  schon wieder in alte Muster zurück, inkl. bisher einmaligem Fehlen wegen Verschlafens. Umso überraschter haben wir also festgestellt, dass nächsten Freitag ein Test geschrieben wird und auch das „ma é facile“ unserer Lehrerin konnte unsere manische Prüfungsangst, die wir seit jeher in uns tragen, nicht lindern. Zumindest die italienischen parolacce (Schimpfwörter) können wir schon extrem gut, nachdem unsere Lehrerin meinte, die Römer seien so einfallsreich, was das betrifft. Wobei ich an dem Einfallsreichtum der Römer mit Blick auf Öffnungszeiten und Straßenverkehrs“ordnung“ noch nie gezweifelt hatte. Beim Lernen dieser parolacce ist mir allerdings einmal ein donaccia gegenüber der Lehrkraft rausgerutscht, die es hoffentlich nicht auf sich bezogen hat. Und Lukas hat schon den Kurs dahingehend informiert: Ho pestato una merda.

Colosseum

Die Universität hatte für das Wochenende zu einer kostenlosen Sightseeingtour eingeladen, die auch wir besuchten, um unseren Ruf gegenüber des Lehrpersonals etwas aufzupolieren. Das Ziel war originellerweise der Aventin. Doch schon zwei Minuten nach Beginn der Tour fiel mir wieder schlagartig ein, warum ich sowas doch eigentlich unglaublich langweilig und peinlich finde. Wem machen Stadtbesichtigungen eigentlich Spaß außer dem Stadtführer? Wir bewegten uns also unauffällig in einer Gruppe von brabbelnden Indern, Fotos im Sekundentakt schießenden Cingalesen und singenden Nonnen, die über ihren ulkigen Nonnenkopfbedeckungen weitere noch ulkigere Kopfbedeckungen mit originellen und integrationswilligen Aufschriften wie „Roma“ oder „Italia“ trugen, um sich vor der bösen, tödlichen Sonne zu schützen. Und das in unserer nächsten Nachbarschaft („Die Nachbarn zeichen mitm Finger auf uns!“). Der einzige Lichtstreif am Horizont war Cindy aus Roma (die Obdachlose von Nebenan), die routiniert einige unbescholtene Touristen anpflaumte, um sich schließlich unauffällig unserer Gruppe anzuschließen.

Apropos Nachbarschaft: Madonna hat ein Haus auf dem Aventin im Blick, das sie sich vielleicht kauft. Nur 100 Meter von hier. Vielleicht interessiert das ja irgendjemanden.

Brandrodungswanderfeldbau

Dem Kaufhaus Euroma 2 habe ich noch einen weiteren Besuch abgestattet, um ein paar Dinge einzukaufen. Haarwachs gibt es allerdings in Italien nicht, deshalb kaufte ich mir ein sonderbares Gel mit angeblichem „Power-Halt Extremstufe 5“ mit dem Ergebnis, dass mir eine dünnflüssige Masse durch die Finger rann und sich meine Hände anfühlten, als hätte ich sie schlicht gewaschen (also einfach nass). Noch unkund dieses Reinfalls wurde ich an der Kasse mal wieder Zeuge, dass der Mensch dem Menschen tatsächlich ein Wolf ist, was man im Supermarkt ohnehin optimal verfolgen kann. Ich bemerkte das sehr innovative Angebot der „Schnellkasse“, die etwas kleiner war als die anderen und zu der man sich nur mit weniger als zehn Produkten begeben durfte. Ideal. Doch just in dem Moment, als ich mein einziges Konsumgut aufs Fließband legen wollte, schob sich eine dicke Italienerin vor mich, die in ihrem Einkaufswagen an die 150 Produkte liegen hatte und wohl auch von der kurzen Schlange der Schnellkasse begeistert war. Die gelangweilte Verkäuferin schickte die Frau natürlich nicht weg, sondern fragte nur gelangweilt „busta?“ (Tüte) und kaute weiter auf ihrem Kaugummi, wie es alle italienischen Kassiererinnen tun. Der Höhepunkt war aber, dass die Frau ihren Einkaufswagen nach dem Bezahlen ihrer für Schnellkassen erstaunlich hohen Rechnung von 158 € einfach im Gang stehen ließ und davonschlenderte. Na warte, man trifft sich immer zweimal im Leben, signora!

Die wenigen Anlässe zu lustiger Heiterkeit nahmen wir zum Anlass heiterer Lustbarkeit und beschlossen, einen Abend bis in die Nacht rein einfach mal ganz gewieft am Pool zu verbringen und die Beleuchtung auszuprobieren. Die ging dann leider nicht an, stattdessen warf aber das blendend helle und darüber hinaus flimmernde Flutlicht vom Haus nebenan (warum auch immer man ein Flutlicht aufs Nachbargelände richtet) einen feierlich klinisch weißen Schein über unsere total abgefahrene Poolparty. War aber doch ganz nett im Dunkeln ein paar Runden schwimmen zu gehen.

Derweil in Deutschland die Bundesliga wieder losgeht und ich an dieser Stelle ein herzliches „BAYERN“ „3!!“ „FÜRTH“ „0!!“ in die Heimat schicke, beginnt auch hier die Lega Serie A, was das Gefahrenpotenzial in Rom nochmal erhöht. Kurz gesagt heißt das: Wenn die liebe Cindy ein Auto besäße, AS Rom-Fan wäre und Wind davon bekommen würde, dass ich Lazio Rom-Sympathisant bin, dann würde sie die drei größten Gefahren für meine Existenz in dieser Stadt in sich vereinigen: Verrückte, Verkehr und Fußball.

Morgen schließlich kommt dann noch la mia famiglia zu Besuch und bleibt acht Tage in Rom. Freue mich auf sie, sowie auf all die Sachen, die ich in der Heimat vergessen habe. 😀

Schöne Ferien an die Bayern!