Gomorrha

Diese Stadt ist krank. Sie ist ein Moloch aus Beton und Stahl, ein Schmelztiegel aller Kulturen, ein Hort für Gesetzlose, ein großer Haufen Müll. Schon am Hauptbahnhof bedrohen dich Räuber und Diebe mit Rasierklingen und nehmen dir alles bis auf die Unterhosen weg. Obdachlose ohne Zahl schlafen in gigantischen Bergen von Abfall. Und alles wirtschaftliche Leben steht unter dem drohenden Schatten der Camorra. Das beschreibt relativ genau das Bild, das ich von Neapel hatte. Ein Bild, das vor allem durch deutsche Medienberichte und Reiseerzählungen gezeichnet wurde. Und dennoch – oder gerade deshalb – wollte ich es mir nicht nehmen lassen, diese Golfmetropole einmal selbst zu besuchen. Den Entschluss dazu fassten Lukas und ich sehr spontan für den nächsten Tag (Dienstag). Montagabend verleibe ich mir noch mittels Wikipedia den ungefähren Stadtplan Neapels ein, indem ich mich an Himmelsrichtungen orientiere, und stecke die touristischen Ziele ab, die man unbedingt mal gesehen haben muss. Lukas beschäftigt sich derweil mit den besten Orten, an denen man Pizza essen kann, denn die wurde schließlich in Napoli erfunden. Am nächsten Morgen brechen wir mit 80€ in der Tasche (ich fürchtete, es sei zu wenig) von Termini auf und nehmen einen fürchterlich nach Urin stinkenden Regionalzug in den Süden, der rein optisch eher an einen transmongolische Güter- als an einen europäischen Personenzug erinnert. Das erste, was bei der Einfahrt in Neapel auffällt, ist die gähnende Leere der Bahnsteige. Außer der Personen, die aussteigen ist weit breit niemand zu sehen und zu hören.

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Der berüchtige Hauptbahnhof ist hingegen sehr belebt. Tatsächlich treffen hier alle möglichen Völker und Kulturen aufeinander. Doch im Gegensatz zu Termini ist die moderne Napoli Centrale ein Ort mit gemäßigtem Tempo. Der Wettervorhersage zum Trotz – es sollte den ganzen Tag lang regnen – erwartet uns ein strahlend blauer Himmel und warme Temperaturen um die 25-30°. Eine frische Brise, die schon auf die Nähe zum Meer schließen lässt, vollendet das angenehme Klima. Sofort nach dem Betreten der Piazza Garibaldi vor dem Bahnhof taucht man ein in das pulsierende Leben der zweitgrößten Metropolregion Italiens (Nein, Rom ist nur Platz 3). Ein chaotisches Straßensystem, gegen das die Hauptstadt wirkt wie Veitsöchheim, und Massen von Menschen schieben sich durch die engen Gassen im Schatten von riesigen baufälligen Häusern, die mit Wäsche behängt sind, als wären sie ein beginnendes  Kunstprojekt von Christo und Jeanne-Claude (was auf dem Foto leider nicht zu sehen ist).

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Man muss nur eine Straße überqueren und schon kommt man vom spanischen ins japanische Viertel, von Beinahe-Slum zu luxuriöser Altbau. Auf der Suche nach der ersten Pizza fragen wir zwei alte Herren, die bei einem zugesprayten Heiligendenkmal sitzen nach dem Weg zur Via Tribunali. Die beiden altersschwachen stehen sofort auf und geben uns eine präzise, sympathische und ausführliche Beschreibung, dass die Straße 50m von hier entfernt sei. Dem Stadtplan nach zu urteilen eine große Einkaufsstraße. Sie entpuppt sich allerdings als ein schmaler Gang gesäumt von Häuserwänden aus dem 18. Jahrhundert, in dem alle Geschäfte und sogar die Kirchen auf engstem Raum in die Wände eingelassen wurden. Hatte ich noch Befürchtungen mit meinen 20€ nicht um die Runden zu kommen, werden diese schnell zerstreut. Die von Lukas bestellte Autoreifengroße Pizza Margherita kostet 3€. Und sie schmeckt phänomenal. Eine Offenbarung. Nach noch weiteren zwei Pizzen dieser Art bei anderen Must-Have-Pizzerien biegen wir richtung Süden ab, um an den Hafen zu gelangen. Kaum sind wir abgebogen, finden wir uns im studentischen Viertel wieder. Fallen in Deutschland studentische Viertel durch Buchläden mit mordsinteressanten Buchtiteln zur Jurisdiktion und alternative Cafès, wo man für eine Tasse Tee 3€ zahlt, auf, sticht hier sofort ins Auge, dass beide Unis besetzt sind. So weit die Hände ragen sind alle Häuser zugesprüht mit sozialistischen Parolen. Viva Carlos! Free Palestine! Hammer und Sichel und für mich steht fest, ich studiere in Napoli. Zumal die Bevölkerung die jüngste und hübscheste ist, die ich seit langem gesehen habe.

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Nach einem Besuch in einem Comicladen, der wirklich alles hat, was an Comics seit den Cro-Magnon-Menschen erschienen ist, sieht man zwischen den Häuserzeilen schon erste Schiffe. Schließlich an der Bucht angekommen nimmt das Kreuzfahrtschiff Norwegian Epic einem durch seine gigantische Größe (Name ist Programm) die komplette Sicht auf den Golf und den Vesuv, der an diesem Tag in Wolken gehüllt ist. Neben dem skandinavischen Luxusliner stehen noch etliche andere Riesenschiffe vor Anker, um demnächst nach Gibraltar, Südfrankreich oder Sardinien in See zu stechen.

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Wir laufen am Hafenufer entlang und gelangen schließlich zu den Privatschiffen, einem Gewirr aus Mästen und Segeln. Der Anblick erinnerte mich an das, was ich auf Fotos von der Mittelmeerküste Frankreichs gesehen habe. Die alten Hafengebäude verlieren alle schon ihre ehemals strahlenden bunten Farben und reiche Snobs sonnen sich auf den Decks ihrer Yachten, wofür ich plötzlich sehr viel Verständnis habe.

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Schließlich ragt eine Art Steg von Riesenfelsen weiter ins Meer hinein, auf dem sich die Neapolitaner, jung und alt, auf Handtüchern und mit Kofferradios ausgestattet sonnen oder das Wetter zum Baden nutzen. Vom äußersten Rand hat man einen schönen Blick über die Bucht und den Vesuv.

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Wir verlassen das Meer nach einem etwas längeren Aufenthalt und nähern uns wieder der Innenstadt. Dort besuchen wir den zentralen Orientierungspunkt Piazza del Plebiscito. Die Kirche mitsamt den Kolonnaden, erbaut als Huldigung an Bonaparte, ist so gigantisch groß, dass ich auch aus der größtmöglichen Entfernung nur knapp alles auf die Linse bekomme.

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Danach geht’s zur wunderschönen Einkaufsgalerie Umberto I. Sie erinnert etwas an die ähnliche Galerie in Mailand, deren Namen mir gerade nicht einfällt. Ein sehr detailreicher Bau mit einer Kuppel aus Glas und Metall.

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Zu sagenhaft günstigen Preisen kaufen wir noch die ein oder anderen Dinge ein und machen uns dann schon wieder auf den Rückweg zur Via Tribunali. Die Orientierung fällt erstaunlich leicht. Bevor wir wieder zurück zum Bahnhof gehen, wollen wir noch dem Dom von Neapel einen Besuch abstatten, der in einer Seitenstraße der Tribunali liegt. Mit einer weiteren Pizza lassen wir uns auf dessen Stufen nieder. Ein Mann mittleren Alters, der vorbeikommt, schaut uns an, bleibt stehen und fragt mit italienischem Akzent: „Deutsch?“ Wir natürlich: „Ja.“ Und schon entsteht ein nettes Gespräch mit dem Neapolitaner, der, wie sich herausstellt, mal in Neu-Ulm gelebt hat. Während er sich eine Tüte ansteckt, klärt er uns (inzwischen wieder auf Italienisch) über die miserable Situation in seiner Stadt auf und wie sich alles die Hand gibt. Dass er seinen fünfjährigen Sohn überhaupt mit dem Auto wohinfahren muss, nur damit der Fußball spielen kann. Ebender kommt dann auch plötzlich weinend mit dem Ball an und meint, ein Polizist habe ihm verboten Fußball zu spielen. Der Vater stürmt sofort zum Polizisten (mit dem Joint in der Hand) und mischt ihn erstmal auf. Warum denn solche scheißehässlichen Blumentöpfe dastehen, in denen nicht mal was wächst, aber Kinder vertrieben werden? Der Polizist beruhigt ihn und meint, vor der Kirche gehe es halt einfach nicht. Damit geht der Vater dann schließlich auch d’accordo, nur sein Sohn fragt heulend: „Ma che cosa cazzo devo fare?!“ (etwa: Was soll ich denn jetzt machen, verfickte…?!), was den Vater automatisch stolz wie Oscar stimmt und er mit seinem Sohn einschlägt, weil er schon mit fünf Jahren einen solchen Wortschatz draufhat. Schließlich frage ich noch, ob die Kirche sehenswert ist, was mir der Sohn schnell mit einem „È brutta la chies-aouh!“ (Die Kirche ist hässlich, aber wie) beantwortet und mit seinem Vater abschürt. So spektakulär ist sie dann wirklich nicht und sie bleibt an dem Tag die einzige Kirche, die wir von innen betrachten.

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Mit einer weiteren Pizza kehren wir zum Bahnhof zurück, wo wir sehen, dass unser Zug dreißig Minuten Verspätung hat. Wir lassen uns auf einer Bank nieder, auf der schon ein schlafender, geschätzte 35 jahre alter Mann sitzt, der aufwacht, als wir uns setzen. Auch mit ihm geraten wir in ein Gespräch und es stellt sich heraus, dass er am Bahnhof lebt und ab und zu dort Arbeiten verrichtet, die er angeboten bekommt. Er erklärt uns, wer am Bahnhof alles Polizisten in Zivil sind und wir haben kurz Spaß dabei zu sehen, wie auffällig unauffällig die sind, als er feststellt, dass eine halbe Stunde warten zu lange ist und uns prompt zu einem Bier in einer Bar einladen will, was wir natürlich gerne annehmen. Innerlich lache ich kurz auf, was unsere Eltern wohl sagen würden, wenn sie wüssten, dass wir einem obdachlosen Neapolitaner, der uns am Bahnhof anspricht und uns auf ein Bier einlädt, in eine Bar folgen. Aber wir haben alles unter Kontrolle und steigen schließlich im Besitz unserer beiden Nieren und sieben Sachen in den Zug ein, der uns zurück nach Rom bringt und wieder nach Pisse riecht. Oh Mann.